Die Renaissance des Mittelalters

Date de publication : mars 2016

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Contexte historique

Nationales Bewusstsein und Befreiungskriege

In einem politisch zwar unvereinten, aber sich dennoch gemeinsam gegen das Joch der napoleonischen Herrschaft aufbäumenden Deutschland markiert die Schlacht bei Leipzig (18. Oktober 1813) den Höhepunkt dessen, was die deutsche Geschichtsschreibung als Befreiungskriege bezeichnet. Die in den Jahren 1813 bis 1815 von den koalierten Truppen Österreichs, Preußens, Russlands und Schwedens geführten Kriege rufen auf dem gesamtdeutschen Gebiet eine starke Mobilisierung hervor, die in der doppelten Besetzung von Paris in den Jahren 1814 und 1815 kulminiert. Über einige Monate hinweg bilden die militärischen, politischen, literarischen und intellektuellen Kreise Deutschlands eine stillschweigende Allianz, besiegelt durch das patriotische Fieber des allgemeinen Erwachens eines „nationalen Gefühls“. Als ein auf Grund seines breiten Echos noch nie da gewesenes Phänomen, eine Mischung aus religiöser, künstlerischer und politischer Devotion, stützt sich der Patriotismus dieser Jahre auf ein paar wichtige, idealisierte Elemente: Die deutsche Sprache, deren Ursprung eine ganze Generation zu finden versucht (man erinnere sich hier an die Märchensammlung der Gebrüder Grimm, erschienen in den Jahren 1812 und 1815), sowie die mittelalterliche Kunst (bzw. der gotische Stil), die sich als privilegierte Projektionsfläche politischer und nationaler Identitätsfindung aufdrängen. 

Analyse des images

Nach dem Sturm

In einer fiktiven Landschaft, unter dunklem Gewitterhimmel, ragt leuchtend und stolz die Fassade einer gotischen Kathedrale empor. Man denkt an Straßburg, Reims oder Köln. Der linke Turm ist noch unvollendet. Ein Gerüst umragt ihn; auf dem Gerüst eine weiße Fahne mit dem kaiserlichen Adler. Das Gewitter scheint seit einigen Minuten abgeklungen, die Wolkendecke lässt hier und da das Blau des Himmels durchscheinen. Links im Gemälde - auf halber Höhe - ragt eine Burg empor. Rechts unten badet eine von einem Fluss durchlaufene mittelalterliche Stadt und ihre Brücke in einem neuen Licht. Ein Regenbogen durchzieht das Gemälde von Seite zu Seite. In dieser Landschaft nach dem Sturm inszeniert Schinkel die Rückkehr eines Prinzen und seiner Armee. Das Volk läuft zusammen, um den siegreichen Herrscher und sein Gefolge zu begrüßen – als kaum verborgene Anspielung auf die Rückkehr des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. nach den Befreiungskriegen. 

Interprétation

Gotik und neue politische Blüte

Im Jahre 1815 ist die Inszenierung einer gotischen Kathedrale in einer nach einem Gewitter neu erblühten Landschaft nicht ganz ohne politische Symbolik. „Dies ist deutsche Architektur, unsere Architektur“, hatte Goethe schon im Jahre 1772 über die Kathedrale von Straßburg verlauten lassen und trug somit zur Bestätigung der (seitdem widerrufenen) These einer germanischen Besonderheit des gotischen Stils bei. Während der Befreiungskriege wurde in Deutschland auch das patriotische Projekt der Vollendung des Kölner Doms wieder ins Leben gerufen, dessen Bau um 1510 unterbrochen wurde. Dieses Projekt gründete auch auf der Erinnerung der Reichsunmittelbarkeit der Kaiserstädte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und auf den Einheitsbestrebungen der deutschen Staaten zu Beginn des 19. Jh.s. Bei Schinkel – und dies ist weniger paradox als man denkt – wird der patriotische Inhalt durch Formen und Inhalte aus dem Mittelalter vermittelt und findet zusätzliche Ausdrucksformen in der Anlehnung an die griechische Antike. Seine Mittelalterliche Stadt ist 1815 als Pendant zu einem Gemälde mit dem Titel Griechische Stadt am Meer entstanden: Das antike Griechenland und die mittelalterliche Stadt werden hier als zwei soziale und politische Organisationsideale verstanden. 

Bibliographie

Helmut BÖRSCH-SUPAN, Bild-Erfindungen. Karl Friedrich Schinkel Lebenswerk, t. XX, Munich-Berlin, Deutscher Kunstverlag, 2007.Carl Gustav CARUS, De la peinture du paysage dans l'Allemagne romantique, Editions Klincksieck, Paris, 2003.Pierre WAT, Naissance de l’art romantique : peinture et théorie de l’imitation, Flammarion, Paris, 1998.

Pour citer cet article
Bénédicte SAVOY, « Die Renaissance des Mittelalters », Histoire par l'image [en ligne], consulté le 22 août 2019. URL : http://histoire-image.org/de/etudes/die-renaissance-mittelalters
Commentaires
Frontispice d'un recueil de musique. Henri FANTIN-LATOUR (1836 - 1904) 1888 Palais des Beaux-Arts de Lille