Not.

Not.

Der Weberzug.

Der Weberzug.

Not.

Not.

Date représentée :

H. : 15,4 cm

L. : 15,3 cm

Lithographie. Druck 1 der grafischen Folge Der Weberaufstand, 1893-1897.

© VG Bild-Kunst, Bonn 2008

Kl 34 IIa Not

Der Weberaufstand

Date de publication : Mars 2016

Auteur : Silke SCHMICKL

Soziale Spannungen und Gründung der SPD in Deutschland

Deutschland war gegen Ende des 19. Jahrhunderts von einem Klima sozialer und politischer Spannungen geprägt. Reichskanzler Otto von Bismarck hatte unter Wilhelm I. und Wilhelm II. eine liberale Politik durchgeführt, die gegen die sozialistischen Bewegungen gerichtet war. Nach einem Attentat gegen Wilhelm I. im Jahre 1878 nutzte er die Situation, um die Sozialistengesetze (1878-1890) einzuführen, die praktisch ein totales Verbot der Parteiarbeit außerhalb des Reichstags bedeuteten.
1890, im Jahr von Bismarcks Rücktritt, verstärken die Sozialdemokraten ihre Position durch die Bildung der SPD und gründen ihre historische Legitimität auf eine Rückbesinnung auf ihre historischen Ursprünge, die auf die Revolution von 1848 zurückgehen.
Der von Käthe Kollwitz, einer den Sozialisten und Pazifisten nahe stehenden Künstlerin, dargestellte Weberaufstand ist ein charakteristisches Beispiel für diese Rückbesinnung auf die Geschichte der Parteigründung und die Geschichte der Arbeiterbewegung.
Die Weber erheben sich in Deutschland zu wiederholten Malen, insbesondere in Schlesien kommt es zu einer wachsenden Verarmung, die durch konstante Lohnsenkungen dramatisch verschärft wird. Am 3. Juni 1844 bricht anlässlich einer Demonstration zur Befreiung eines verhafteten Arbeiters der erste Aufstand aus. Die in der Folge von der Armee blutig niedergeschlagenen Aufstände stürzen eine bereits veramte Arbeiterklasse vollends ins Elend.
Dieser Aufstand bewirkte öffentliche Diskussionen, trug zur politischen Meinungsbildung bei und wurde für Politiker, Intellektuelle und Künstler zu einem dauerhaft prägenden Ereignis.

Die soziale Misere in Bildern

Der Weberaufstand, eine von Käthe Kollwitz zwischen 1893 und 1898 geschaffene Folge von 3 Lithographien und 3 Radierungen, stellt die Not der deutschen Weber in der Mitte des 19. Jahrhunderts dar. Die sechs von der Künstlerin ausgewählten Szenen bilden einen programmatischen Zyklus. Die beiden ersten Tafeln, Not und Tod, zeigen die Ursachen des Aufstands und die Lähmung der Menschen unter dem politischen und wirtschaftlichen Druck. Die dritte Tafel, Beratung, zeigt die Reaktion der Weber auf diese Situation. Sie organisieren sich und bereiten den Kampf vor. Die Tafeln vier, Weberzug, und fünf,Sturm, stellen den Aufstand dar, die sechste und letzte Tafel, Ende, den Tod der Weber und das Ende des Aufstands.
Not, die erste Lithographie der Folge, zeigt im Vordergrund eine über den Körper ihres Kindes gebeugte Frau, ihren Kopf in den Händen haltend. Vor einem dunklen Hintergrund, der Dreiviertel des Bildes einnimmt und eine ärmliche Wohnung evoziert, scheint die Mutter in ihrem Schmerz verloren. Die Blässe des Kindergesichts deutet an, dass es sehr krank und bereits vom Tode gezeichnet ist. Als einziges helles Bildelement nimmt es im Vordergrund eine zentrale Stellung ein. Die pyramidale Komposition von Mutter und Kind unterstreicht diese Bedeutung. Trotz dieser formalen Nähe besteht ansonsten kein Kontakt zwischen Muter und Kind und den beiden Marmorgesichtern am linken Bildrand. Die Abgeschiedenheit und Verinnerlichung der Personen verstärkt die hoffnungslose Atmosphäre dieser Familienszene.
Die vierte Tafel, Weberzug, die 1897 entstand, stellt eine Demonstration der Weber dar. Eine Gruppe von Männern, die mit Sensen und Beilen bewaffnet sind und von einer Frau, die ein Kind trägt, begleitet wird, marschiert in unbestimmter Richtung vor einer Naturlandschaft. Ihre geballten Fäuste und ihr fester Schritt deuten auf eine kommende oder geschehene politische Aktion hin. Trotz ihrer Entschlossenheit wirken die Männer geschwächt und von ihrer sozialen Lage gezeichnet; auf ihren Gesichtern liegt Resignation und Verzweiflung. Wie in Not scheinen sie beziehungslos nebeneinander zu stehen. Die Vereinzelung der Individuen überwiegt den kollektiven Aspekt der Gruppe. Die innere Spannung der Personen wird durch die expressive Strichführung der Lithographie wiedergegeben.

Der Weberaufstand – ein engagierter Kunstzyklus

Das Thema des Weberaufstands wird am Ende des 19. Jahrhunderts, das noch durch die sozialen Konflikte der Bismarck-Epoche geprägt ist, für die liberalen Kräfte zum Symbol des Kampfes gegen die Unterdrückung der Arbeiterklasse. 1893 hatte Gerhard Hauptmann bereits das Thema des schlesischen Weberaufstands in seinem Stück Die Weber behandelt, das an der Freien Volksbühne Berlin am 23. Februar 1893 uraufgeführt wurde. Käthe Kollwitz, die der Premiere beigewohnt hatte, inspiriert sich an dem Stück für ihre im selben Jahr begonnene Bilderfolge. „Die Wirkung war überwältigend [...] Diese Aufführung war ein Schlüsselereignis in meiner Arbeit“, schreibt sie in ihrer Autobiografie Rückblick auf frühere Zeit (1941). In dieser Folge kommen bereits die großen Themen der Künstlerin zum Ausdruck: Aufstand und Revolution, die Welt der Arbeiter und ihre soziale Situation, die Beziehung zwischen Mutter und Kind, der Tod. Mit dieser Folge setzt sie ebenfalls ihren expressionistischen Stil und die Arbeit in Serien durch, die ihr Werk während ihrer gesamten Karriere prägen sollten. Trotz der in den 1890er Jahren einsetzenden Beruhigung der sozialen Kämpfe, blieb die Darstellung von Käthe Kollwitz subversiv und störend. Als die Folge 1898 in der Großen Berliner Kunstausstellung gezeigt wurde und Adolph von Menzel, unterstützt von Max Liebermann, ihr eine Goldmedaille verleihen wollte, wurde ihr diese von Kaiser Wilhelm II. verweigert. Die Sozialistengesetze standen zwar nicht mehr auf der Tagesordnung, aber die Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und die Verteidigung der Arbeiterklasse waren noch lange nicht abgeschlossen und erreichten zwischen den beiden Weltkriegen mit dem Spartakusbund ihren Höhepunkt.

Käthe Kollwitz, Catalogue de l’exposition , Frankfurter Kunstverein Frankfurt, Württembergischer Kunstverein Stuttgart, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst Berlin, 1973.Sigrid ACHENBACH, Käthe Kollwitz: (1867-1945); Zeichnungen und seltene Graphik im Berliner Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Berlin, 1995.Jutta BOHNKE-KOLLWITZ (Verlag), Käthe Kollwitz. Die Tagebücher : 1908 – 1943, Siedler, Berlin, 1989.Alexandra von dem KNESEBECK, Käthe Kollwitz. Werkverzeichnis der Graphik, 2 tomes, Kornfeld, Berne, 2002.Otto NAGEL (éd.), Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Stuttgart, Kohlhammer, 1980.Hermann POLLIG, Käthe Kollwitz: Grafiken, Zeichnungen, Plastik, Stuttgart, I.F.A., 1985. 

Silke SCHMICKL, « Der Weberaufstand », Histoire par l'image [en ligne], consulté le 01/10/2022. URL : histoire-image.org/node/6789

Ajouter un commentaire

HTML restreint

  • Balises HTML autorisées : <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd> <h2 id> <h3 id> <h4 id> <h5 id> <h6 id>
  • Les lignes et les paragraphes vont à la ligne automatiquement.
  • Les adresses de pages web et les adresses courriel se transforment en liens automatiquement.
CAPTCHA
Cette question sert à vérifier si vous êtes un visiteur humain ou non afin d'éviter les soumissions de pourriel (spam) automatisées.

Mentions d’information prioritaires RGPD

Vos données sont sont destinées à la RmnGP, qui en est le responsable de traitement. Elles sont recueillies pour traiter votre demande. Les données obligatoires vous sont signalées sur le formulaire par astérisque. L’accès aux données est strictement limité aux collaborateurs de la RmnGP en charge du traitement de votre demande. Conformément au Règlement européen n°2016/679/UE du 27 avril 2016 sur la protection des données personnelles et à la loi « informatique et libertés » du 6 janvier 1978 modifiée, vous bénéficiez d’un droit d’accès, de rectification, d’effacement, de portabilité et de limitation du traitement des donnés vous concernant ainsi que du droit de communiquer des directives sur le sort de vos données après votre mort. Vous avez également la possibilité de vous opposer au traitement des données vous concernant. Vous pouvez, exercer vos droits en contactant notre Délégué à la protection des données (DPO) au moyen de notre formulaire en ligne ( https://www.grandpalais.fr/fr/form/rgpd) ou par e-mail à l’adresse suivante : dpo@rmngp.fr. Pour en savoir plus, nous vous invitons à consulter notre politique de protection des données disponible ici en copiant et en collant ce lien : https://www.grandpalais.fr/fr/politique-de-protection-des-donnees-caractere-personnel

Partager sur

Découvrez nos études

Der Friedhof von Saint-Privat

Der am 19. Juli 1870 erklärte Deutsch-Französische Krieg findet in zwei Phasen statt: Die erste unter der Heeresleitung von Napoleon III. bis zur…

Die angewandten Künste Deutschlands in Paris.

Die kulturelle Hegemonie als Garant der französischen Identität

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870-1871 ist Frankreich um seine…

Die angewandten Künste Deutschlands in Paris.
Die angewandten Künste Deutschlands in Paris.

Die Eisen- uns Stahlindustrie in Deutschland

Die zweite industrielle Revolution in Europa

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war Deutschland zweifelsohne die größte Industrienation…

Bismarck, der eiserne Kanzler

Hurrapatriotismus

„Unter dem Zweiten Kaiserreich war Kladderadatsch [1] von Napoleon III. besessen. Wir leiden bezüglich Bismarck, mit Recht oder…

Das Wagnersche Genie

Wagner: Eine Aura über Zeit und Grenzen hinweg

Wagner hat die Malerei offensichtlich nicht sehr geschätzt. Sie ließ ihn „im Grunde vollkommen kalt…

Das Wagnersche Genie
Das Wagnersche Genie
Das Wagnersche Genie
Das Wagnersche Genie

Verdun

Da sich die militärische Lage Deutschlands bis Ende 1915 stark verbessert hatte, beschließt General von Falkenhayn, die Überlegenheit der…

Napoleons Einzug in Berlin

Der Preußenfeldzug - 1806

Während sich im Laufe des Jahres 1806 die vierte Koalition zwischen Preußen, dem Kurfürstentum Sachsen und Russland…

Die Annexion des Elsass und Lothringens

Der am 10. Mai 1871 unterzeichnete Frankfurter Friede entschied über die Annexion des Elsass und eines Teils von Lothringen, zu dem auch die Stadt…

Unterzeichnung des Versailler Vertrags

Die Friedensschließung von 1919 - ein Risiko

Die Pariser Friedenskonferenz wird am 18. Januar 1919 in Versailles eröffnet. Zwei Monate nach…

Das Königreich Westphalen

Ein Modellstaat im Herzen Deutschlands

1807 unterzeichnen Napoleon und Zar Alexander I. in Tilsit ein Friedensabkommen, das die Grundlage der…

Das Königreich Westphalen
Das Königreich Westphalen